Quelle: magnific.com
Die Einwände gegen die PISA-Studien sind teilweise berechtigt, und ich teile sie prinzipiell. Denn aus einem ökonomisch geprägten Kompetenztest wurde in Deutschland teilweise eine Art oberste Instanz für Bildungspolitik gemacht. Das geht aber eigentlich über das hinaus, was die Daten hergeben. Schließlich ist der Studien-Initiator die OECD, also die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit 36 Mitgliedstaaten. Naturgemäß wird von dort aus Bildung stark unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet. Die OECD sieht die „Qualität von Humankapital“, Kompetenzen, Produktivität und schaut auf die Fähigkeit von Volkswirtschaften, qualifizierte Arbeitskräfte hervorzubringen. Laut ihrer Konvention verfolgt sie insbesondere die Förderung nachhaltigen Wirtschaftswachstums, höhere Beschäftigung, Steigerung des Lebensstandards und so weiter.
Eine der Grundlagen dieser Zielvorgaben sind natürlich Bewertungen des Bildungssystems, weshalb es PISA (Programme for International Student Assessment) und seine Studien gibt. Nun soll am 8. September 2026 die neue Untersuchung herauskommen. Der Schwerpunkt liegt auf Naturwissenschaften; Mathematik und Lesen werden ebenfalls getestet. Ein neues Bewertungsfeld ist unter anderem „Learning in the Digital World“. Angesichts dessen stellt sich in der deutschen Bildungspolitik sicher der ein oder andere Verantwortliche die bange Frage, ob sich nach dem historischen Absturz von PISA 2022 irgendwas verbessert hat. Denn PISA 2022 zeigte für Deutschland außergewöhnlich schlechte Bewertungen. In Mathematik, im Lesen und in den Naturwissenschaften – in allen drei Bereichen wurden die niedrigsten deutschen PISA-Werte seit Beginn der jeweiligen Zeitreihen erreicht. Besonders Mathematik und Lesen waren gegenüber 2018 massiv eingebrochen.
Und nun? Was unser Land angeht, würde ich nicht mit einer wirklich überzeugenden Trendwende rechnen. Vielleicht gibt es sowas wie eine kleine Erholung, aber die bekannten deutschen Leistungsdaten sprechen eher dagegen, dass die strukturellen Probleme inzwischen beseitigt wurden. Nehmen wir dazu den für die zu erwartenden PISA-Ergebnisse wichtigen Warnhinweis durch den IQB-Bildungstrend 2024. Die Ergebnisse wurden im IQB selbst als „besorgniserregend“ bezeichnet. In Mathematik, Biologie, Chemie und Physik wurden die Regelstandards 2024 seltener erreicht und die Mindeststandards häufiger verfehlt als 2018 beziehungsweise 2012. Damit nicht genug, 34 Prozent aller Neuntklässler verfehlten 2024 in Mathematik den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss. Selbst unter den Schülern, die mindestens einen mittleren Abschluss anstreben, verfehlten rund 24 Prozent den Mathematik-Mindeststandard, 25 Prozent den in Chemie und 16 Prozent den in Physik.
Ich behaupte, dass die kommende PISA-Veröffentlichung deutlich zeigen wird, dass die bildungspolitischen Probleme in der Bunderepublik in den bewerteten Bereichen bis dato nicht gelöst wurden. Klar, man hat einiges medienwirksam initiiert, wie etwa das sogenannte „Startchancen-Programm“, in das über zehn Jahre rund 20 Milliarden Euro Steuergelder fließen sollen. Aber die großen Baustellen gibt es noch immer: starke Abhängigkeit zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft, große Gruppen schwacher Schüler durch die Massenmigration in die deutschen Schulen, deswegen auch erhebliche Sprachdefizite, dazu kommen Unterrichtsausfall und die desaströse Schulinfrastruktur. Eine am 08. September verkündete Renaissance des deutschen Schulsystems halte ich nach dem IQB-Bildungstrend 2024 für unwahrscheinlich.
Wir lassen uns überraschen.
Links:
Neue Pisa-Studie: Wo steht Deutschland?
PISA 2022 Results (Volume I and II) ‑ Country Notes: Germany | OECD