Quelle: FreePik.com
Schon vor zwei Jahren brachte es der österreichische Lehrer Georg Platzer in der Wiener Zeitung Der Standard auf den Punkt. Er schrieb im September 2023 von einer „Digitalromantik“, in der österreichische Schulen gefangen seien. Das galt und gilt (sic!) wie so oft im Länderabgleich auch für die Bundesrepublik Deutschland. Während Platzer seinerzeit darauf hinwies, dass in Bildungsdebatten beim Thema Digitalisierung des Unterrichts immer wieder die Vorbildfunktion der skandinavischen Länder Erwähnung fände, hätte man übersehen, dass sich gerade dort der vormals ausgerufene Digitalisierungstrend mittlerweile ins Gegenteil verändere. Und in der Tat: Das digitale Experiment in den Klassenzimmern, wird von den Dänen und Schweden wieder rückabgewickelt. Analoge Lehrmittel rückerobern die Schülerschreibtische, Tafeln und Flipboards kommen wieder zum Einsatz, das Tablet weicht dem Stift, dem Füller.
Jüngst wurde diese Entwicklung von einem Web-Video einer jungen US-amerikanischen Lehrerin flankiert, die am Leistungsniveau ihrer Schüler verzweifelte. Grund dafür: digitale Medien im Schulalltag. Besagte Lehrerin sieht die digitalen Technologien, die im Unterricht verstärkt zum Einsatz kommen, als Ursache für immer schlechtere Lese- und Rechtschreibfähigkeiten der Kinder. Sie sagt in dem Videobeitrag: „Technologie ruiniert unsere Bildung“, und stellt fest: „Viele Kinder können nicht lesen, weil man ihnen etwas vorgelesen hat oder sie auf einen Knopf drücken können, um sich etwas vorlesen zu lassen.“ Zusätzlich bemängelt sie eine abnehmende Aufmerksamkeitsspanne seitens der Schüler und erzählt von Wutanfällen und anderen Despektierlichkeiten, wenn sie handschriftliche (Grund-)Fähigkeiten vermitteln wollte. Mittlerweile hat Hannah Maria gekündigt. Ihr abschließender Rat lautet, „wir sollten diesen Kindern die Technologie entziehen – am besten, bis sie aufs College gehen.“
Das sieht Simone Fleischmann, Lehrerin und Vorsitzende des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), natürlich anders. Die bundesdeutsche Pädagogenfunktionärin stellt zwar den Leistungsabfall unter anderem in Mathematik und den Naturwissenschaften nicht in Abrede, dennoch sieht sie „ populistische Pauschalverurteilungen digitaler Medien im Unterricht“ kritisch. Schließlich sei es „unklar […], ob diese Ergebnisse tatsächlich mit der Nutzung digitaler Medien zusammenhängen.“ Fleischmann behauptet auch, dass wer von „einem ‚Zurückdrängen‘ klassischer Bildungsideale durch digitale Medien“ spricht, „reinen Populismus“ ausübt.
Da ist der frühere Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm und ehemaliger ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, Manfred Spitzer, zum Thema denn doch etwas ernster zu nehmen. In seinem Buch „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ kommt er zu dem Fazit: „Digitale Medien führen dazu, dass wir unser Gehirn weniger nutzen, wodurch seine Leistungsfähigkeit mit der Zeit abnimmt. Bei jungen Menschen behindern sie zudem die Gehirnbildung; die geistige Leistungsfähigkeit bleibt also von vornherein unter dem möglichen Niveau. […] Die Wirkungen wurden vielfach nachgewiesen und verlaufen über unterschiedliche Mechanismen, die […] insbesondere durch die Gehirnforschung“ in zunehmendem Maße aufgeklärt werden konnten.
Hans-Peter Hörner
Links:
https://www.derstandard.at/story/3000000188977/214sterreichs-schulen-gefangen-in-der-digitalromantik