Alles Wunderkinder?

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Quelle: Freepik.com

Im Schuljahr 2023/2024 schafften unglaubliche 40,7 Prozent der Abiturienten in Thüringen ein sogenanntes „Einser-Abitur“. Das heißt die Noten der Glücklichen lagen zwischen 1,0 und 1,9. Noch 2003/2004, vor zwanzig Jahren also, lag die Abiturdurchschnittsnote in ganz Deutschland bei 2,5. Im Schuljahr 2013/2014 erreichte sie 2,45 und letztes Jahr 2,35. Das Bundesland Schleswig-Holstein konnte im letzten Jahr lediglich einen Durchschnitt von 2,48 aufweisen, was dem Schnitt von 2005 entspricht. Thüringen lag dagegen bei 2,13. Was das Einser-Abi angeht lag die Quote 2023/2024 in Schleswig-Holstein bei vergleichsweise bescheidenen 23,1 Prozent, Niedersachsen erreichte 24,8 Prozent und scheint bei der Vergabe der Top-Noten ähnlich streng zu sein. Oder sind die im Norden dümmer? Wohl kaum.

Der frühere Korrespondent für Politik und Gesellschaft der „Welt“-Gruppe, Alan Posner, sieht bei der Abi-Benotung insgesamt ein „strukturelles Problem“ und schreibt: „Ein „Einser-Abitur“ ist nicht ein Abi mit dem Traumschnitt 1,0. Sondern mit einem Schnitt zwischen 1,0 und dem erheblich weniger unwahrscheinlichen 1,9. Legt man die Gauß’sche Normalverteilung zugrunde, müssten 13,5 Prozent der Abiturienten ein Einser-Abitur hinlegen. Da hauptsächlich Schüler und Schülerinnen mit überdurchschnittlicher Begabung und Lernmotivation in die Oberstufe kommen, wären 20 Prozent Einser-Abis durchaus erwartbar.“

Trotzdem zeichnet sich gerade in den ostdeutschen Bundesländern eine schleichende Inflation bezüglich der Abiturnoten ab. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Stefan Düll, meinte im Interview mit der „Rheinischen Post“: „Es gibt eine Flut an Einser-Abis.“ Das Abitur sei zwar „nichts, was einem hinterhergeworfen wird“, trotzdem solle an der Qualität „nicht weiter herumgedoktert“ werden. Die Absenkung der Qualitätsstandards und des Aufgabenniveaus in der Reifeprüfung treibt den Verbandspräsidenten zu Recht um, denn Spitzennoten bedeuten nicht zwangsläufig höhere Bildungsqualität. Doch auch die strukturellen Probleme, die Alan Posener erwähnt, sind ganz sicher ursächlich für die offensichtliche Einser-Schwemme.

Fatal: der Numerus clausus (NC). Fast ein Drittel (32,5 Prozent) aller Studienplätze in der Bundesrepublik sind nur über den NC zugänglich. Es sind Studienfächer wie Kommunikationswissenschaften, Jura, BWL, Tiermedizin, Pharmazie, Psychologie, Zahnmedizin, Medizin und auch das Lehramt, die nur über einen guten Abiturnotenschnitt belegbar sind. Möglich, dass deswegen Standards gesenkt werden, dass also manche Bundesländer bei der Notengebung gefällig sind und dass andere Länder dem nicht nachstehen wollen – auch in der Bildungspolitik will sich die jeweilige politische Führung ja erfolgreich zeigen. Posener: „Und so werden Jahr für Jahr die Abiturnoten besser, gibt es immer mehr Einser-Abiturienten, während Deutschland in den internationalen PISA-Tests immer schlechter abschneidet und unter den 25 weltbesten Hochschulen keine einzige deutsche zu finden ist.“

Meine Lösung: Abschaffen des NC, Hochschulen wählen stattdessen ihre Studenten selbst aus. Das verbessert die Ausbildungslage der Unis, beziehungsweise die Einstiegssituation der Studienanfänger. Gleichzeitig sollte die Einführung eines bundeseinheitlichen Abiturs mit einer neutralen, unabhängigen Bewertung erwogen werden. Das würde die dokumentierten (Bundeszentrale für politische Bildung) erheblichen Bildungsunterschiede in der deutschen Bevölkerung nivellieren und bundeslandunabhängig die Bildungsqualität standardisieren.

Hans-Peter Hörner