Digitalisierung der Schule

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Stand der Digitalisierung der Schulen und des Unterrichts in Baden-Württemberg

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
werte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete,

meine Damen und Herren,

gestatten Sie mir als langjährigem Berufschullehrer und Lehrer am Wirtschaftsgymnasium einige Vorbemerkungen zur Bildungspolitik:

  • Die PISA-Studie 2018 zeigte deutlich, dass deutsche Schüler schlechter abschneiden als 2015 (PISA-Studie alle drei Jahre)

Im internationalen Vergleich findet sich Deutschland nach wie vor nur im Mittelfeld

  • Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) äußerte sich sehr unzufrieden: besonders bedauerlich, dass jeder 5. Fünfzehnjährige nicht einmal auf Grunschulniveau lesen kann.
  • Ein ebenso großer Teil kann zwar lesen, ist aber nicht in der Lage, den Text mit eigenen Worten

Die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften ( MINT-Fächer ) sind signifikant schlechter als 2012

“Leseleistungen sanken auf das Niveau vor 2009,                    in nicht gymnasialen Schulen beträgt der Anteil bis zu 50 %”.       

Olaf Köller, Mitglied der Ständigen Bildungskommission und Professor für Empirische Bildungsforschung, vertritt sicher nicht allein die Meinung, dass zwar die Sommerschulen ein Schritt in die richtige Richtung seien, aber (ich zitiere aus einer Veröffentlichung vom 08.07.2021 ): “man muss sich nichts vormachen, zwei Wochen Sommerschule werden bei weitem nicht die Rückstände aufholen, die jetzt in den letzten Monaten aufgebaut wurden.”( Zitat Ende )

Weitere Hilfen sind dringend notwendig, vor allem die Digitalisierung muss hierzu – auch aufgrund der drohenden weiteren Delta-und/oder Lambda-Welle ohne Präsenzunterricht – sehr zeitnah vorangetrieben werden.

Nun hat die Landesregierung endlich realisiert, dass sie in punkto Digitalisierung der Schule in die Gänge kommen und machbare Entscheidungen treffen muss.

Meine Damen und Herren, —Sie haben Geldpakete geschnürt, vielerlei Programme aufgelegt.

Schön; — jetzt könnten endlich (!) alle (!) Schulen ins Zeitalter der Digitalisierung starten und nicht nur als Beobachter danebenstehen.

Jedoch, das Geld ist zwar da, es hakt aber an der schnellen Umsetzung der Vorhaben. Das war vorauszusehen, vorausschauendes Denken und strategisches Planen – Stichworte Ella, BelWü, itslearning – gehören definitiv nicht zu den Stärken des Kultusministeriums, wobei hier nicht auf die verschwendeten Gelder eigegangen werden soll.

Betrachten wir die Realität! Und zwar die Fakten! Die Studie der „forsa Politik- und Sozialforschung GmbH“ zur Ausstattung der Schulen nach Einführung des Digital-Pakts zeigt, dass dieser Aufbau nur sehr langsam voranschreitet.

Jetzt im Jahre 2021 hat eine große Zahl von Lehrern noch nicht einmal eine Dienst-Email-Adresse,

Eine große Zahl von Lehrern verfügt über keinen eigenen Dienst-PC in der Schule.

Von dem Ziel eines flächendeckenden digital-basierten Fernunterrichts sind wir meilenweit entfernt.

Bei im April 2020 durchgeführten Schulleiterbefragungen in Baden-Württemberg gaben stolze 69 % der Schulleitungen an, dass in ihrer Schule immer noch kein Zugang zum Breitbandinternet bzw. WLAN in allen Klassenräumen zur Verfügung steht.

Dass die Landesregierung mit dem Thema Digitalisierung an Schulen völlig überfordert ist, sehen wir auch am Beispiel der Nutzung von Microsoft Office 365 an Schulen.

Die Schwachstellen dieser Software waren bereits vor ihrer Einführung, also vor über einem Jahr, bestens bekannt. Problematisch bei Microsoft 365 ist vor allem, dass persönliche Daten über Programme des US-Konzerns in die USA fließen können. Die zahlreichen Datentransfers können nicht unterbunden werden.

Dies bemängelt auch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs in einem Urteil zum Datentransfer vom 16.Juli 2020.

Von der Microsoft-Nutzung wurde nicht von irgendjemandem abgeraten, sondern von Dr. Stefan Brink, dem Landesdatenschutzbeauftragten.

Und meine Damen und Herren, was macht die Landesregierung?

Man glaubt es kaum, sie führt diese Software in den Schulen ein!

„Die meisten Schulen nutzen sie auf niedrigem Niveau, wodurch Datenschutzverstöße noch viel naheliegender sind“, so der Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit.

Statt hier aber entschieden dazwischen zu grätschen, kündigt er an, bis zu den Sommerferien aus eigener Initiative keine Prüfungen mit der Zielsetzung einer Untersuchung durchzuführen bzw. erst ab Beginn des neuen Schuljahres möglichen Beschwerden nachgehen zu wollen.

„Bravo!“, kann man da nur rufen! Klasse Lösung!

Datenschutz gilt nur für andere, nicht jedoch für die Landesregierung!

Meine Damen und Herren, die Corona-Krise hat es allzu deutlich gezeigt: die Landesregierung hat all die Jahre über Digitalisierung geredet, aber herzlich wenig bzw. falls überhaupt, dann ohne ausreichenden Erfolg getan.

Die Landesregierung lässt vor allem die Schulkinder im Stich, die nach der PISA-Studie vollste Unterstützung brauchen. Bei einem erneuten Wegfall des Präsenzunterrichts werden diese weiter abgehängt und haben nicht die Möglichkeit der Teilhabe. Hierzu zählen vor allem Kinder aus sog. „sozialniederen“ Schichten und auch Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund.

Ist das die tatsächliche Politik der grün-schwarzen Regierung? Noch dazu mit einem Ministerpräsidenten, der die “Realität” auch als ehemaliger Lehrer zu kennen vorgibt.

Vielen Dank!